Landkreis Cochem-Zell: Digitalisierung im ländlichen Raum

Der Cochemer Marktplatz ist eines der touristischen Wahrzeichen des Landkreises. (Foto: Alli_Caulfield, cc by 2.0, flickr.com)

Der Landrat des Landkreises Cochem-Zell, Manfred Schnur, wird im März 2018 auf dem Fachkongress des Behörden Spiegel „Digitaler Staat“ über die Digitalisierung im ländlichen Raum sprechen. In einem Interview mit Behörden Spiegel-Redakteur Wim Orth hat er sich schon jetzt zu den Projekten des Landkreises Cochem-Zell geäußert. Der Landkreis wirkte gemeinsam mit der Verbandsgemeinde Kaisersesch beim Pilotprojekt „Modellkommune E-Government“ seit 2013 mit. Eine Jury, bestehend aus Vertretern des Bundesinnenministeriums, kommunalen Spitzenverbänden und unabhängigen Experten, hatten die Partner ausgewählt. Während dieses Prozesses entwickelte sich das Bürgerportal Cochem-Zell.

Behörden Spiegel: Was ist der Beitrag der Digitalisierung zur Aufrechterhaltung von Infrastrukturen im öffentlichen Raum?

Manfred Schnur: Die Digitalisierung unserer Gesellschaft schreitet in riesigen Schritten voran. Diese Entwicklung macht auch vor den Kommunen keinen Halt, die gezwungen sind, mit durchdachten sowie zielführenden Strategien und Konzepten hierauf zu reagieren. Längst stellt sich nicht mehr die Frage, ob sich die Kommunen der Digitalisierung stellen, sondern inwieweit sie davon profitieren können. Gleichzeitig steigen die Anforderungen und Erwartungen. Um diesen Bedarf zu decken und die Kommunen zukunftsfähig auszustatten, sind dabei erhebliche Investitionen und Innovationen erforderlich. Insgesamt ist festzustellen, dass sich bei den Kommunen ein Wandel weg von Papier hin zur Informationstechnik abzeichnen wird. Die digitale Entwicklung innerhalb der Verwaltungen dient keinem Selbstzweck, sondern ist vielmehr erforderlich, um die Leistungsfähigkeit einer Kommune in Anbetracht des demographischen Wandels sowie der bestehenden Haushaltsdefizite aufrechtzuerhalten.

Behörden Spiegel: Sind Behörden-Arbeitsplätze durch die Digitalisierung gefährdet?

Manfred Schnur: Die Implementierung von Onlinediensten innerhalb der Verwaltung dient vor allem dazu, Dienstleistungen und verwaltungsinterne Abläufe im Sinne der Bürgerinnen und Bürger und der Unternehmen zu optimieren und bringt sowohl auf Seiten der Verwaltungen als auch für die Bürgerinnen und Bürger viele Vorteile mit sich. Durch intelligente Onlineformulare kommen Anträge vollständig und fehlerfrei in der Verwaltung an. Die Erfassung der Anträge entfällt ebenso wie die Nachforderung von Angaben oder Unterlagen. Auf diese Weise können Verfahren auch beschleunigt werden. Oftmals bestehen Befürchtungen, dass durch diese Entwicklungen Arbeitsplätze wegrationalisiert werden. Doch nur, wenn wir Digitalisierung zu unserem Nutzen machen, werden wir zukünftig den Personalbedarf innerhalb der Verwaltung decken können. Schon heute ist der Fachkräftemangel innerhalb der Verwaltung deutlich zu spüren. Zudem können auf diese Weise Papier, Druck- und Portokosten eingespart werden. Gerade in einem Flächenlandkreis wie dem Landkreis Cochem-Zell bringen Onlinedienste der Verwaltung auch viele Vorteile für die Nutzer mit sich. Die Antragsstellung kann ortsunabhängig 24 Stunden an sieben Tagen der Woche erfolgen. Darüber hinaus können lange Fahrzeiten und Spritkosten vermieden werden. Auch lange Wartezeiten in der Verwaltung entfallen.

Behörden Spiegel: Der Landkreis Cochem-Zell gilt als besonders fortschrittlich in Sachen Digitalisierung – was sind die Leuchtturmprojekte in Ihrem Kreis?

Digitalisierung im ländlichen Raum kann mit Pilotprojekten gut gelingen. Landrat Manfred Schnur zeigt sich vom Erreichten überzeugt. Darüber spricht er beim Digitalen Staat. (Landkreis Cochem-Zell)

Manfred Schnur: Der Landkreis Cochem-Zell hat sich mit seinen Verbandsgemeinden sowie den Städten und Ortsgemeinden bereits im Jahr 2010 auf einen digitalen Weg gemacht. So wurde der gesamte Landkreis in einem Public-Private-Partnership-Modell – ohne öffentliche Zuwendungen – an die schnelle Datenautobahn mit mindestens 16 Mbit/s, in der Regel aber mit 50 Mbit/s und zum Teil sogar bis zu 100 Mbit/s angeschlossen. Damit wurde die wichtige Grundvoraussetzung geschaffen, denn nur so wird es den Kommunen und vor allem den Nutzern ermöglicht, von der Digitalisierung zu profitieren. Darauf aufbauend hat sich der Landkreis Cochem-Zell gemeinsam mit der Verbandsgemeinde Kaisersesch als Partner für das Pilotprojekt „Modellkommune E-Government“ beworben. Im Dezember 2013 wählte eine Jury aus Vertretern des Bundesinnenministeriums, der kommunalen Spitzenverbände sowie unabhängigen Experten die beiden Kommunen gemeinsam aus. Wesentliche Zielsetzung war es, möglichst viele Dienstleistungen der öffentlichen Verwaltung über das Internet bereitzustellen und so die Servicequalität für die Bürgerinnen und Bürger sowie Unternehmen nachhaltig zu steigern. Keine drei Jahre später konnte sich das Ergebnis sehen lassen. Im Rahmen des Projektes wurde gemeinsam das Bürgerportal Cochem-Zell entwickelt, das im November vergangenen Jahres freigeschaltet wurde. Darüber hinaus wurden im Projektverlauf Wege aufgezeigt, wie sich die Effizienz der kommunalen Verwaltungen durch konsequente Digitalisierung der Prozesse optimieren lässt. Dass das Portal überzeugt, zeigt die Tatsache, dass aus dem Projekt zwischenzeitlich ein gemeinschaftliches Vorhaben aller kreisangehörigen Verbandsgemeinden sowie des Landkreises geworden ist.

Behörden Spiegel: Welche Standards in punkto Datenschutz und User-Freundlichkeit setzt Ihr Bürgerportal?

Manfred Schnur: Die öffentlichen Verwaltungen des Kreises Cochem-Zell und der vier Verbandsgemeinden Kaisersesch, Cochem, Zell und Ulmen haben für die Bürgerinnen und Bürger sowie die Unternehmen nunmehr rund um die Uhr geöffnet: Mit dem Bürgerportal Cochem-Zell können sie ausgewählte Verwaltungsdienstleistungen online nutzen. Die einprägsame Internetadresse des Bürgerportals lautet: www.cochem-zell-online.de.Ob es um die An- oder Abmeldung eines Hundes, einen Antrag zur öffentlichen Plakatierung von Veranstaltungen, die Anzeige eines Eigentümerwechsels bei einem Grundstück oder um die Anmeldung zur Abholung von Sperrmüll oder eines Elektrogroßgerätes geht – all diese und weitere Services der öffentlichen Verwaltung lassen sich über das Bürgerportal mit wenigen Mausklicks erledigen. Das Besondere dabei ist, dass die Nutzer zukünftig nicht mehr wissen müssen, ob für die Bearbeitung ihres Antrags die Kreisverwaltung oder die Verwaltung der jeweiligen Verbandsgemeinde zuständig ist. Im Bürgerportal stehen die entsprechenden Dienstleistungen verwaltungsebenenübergreifend zur Verfügung. Dieser sachbezogene Ansatz steigert den Nutzen des Portals für die Anwender sowie für die Unternehmen. Sie können Anträge einfach und digital stellen, die Verwaltung bearbeitet die Bürgeranliegen schnell und unter besonderer Beachtung eines hohen Datenschutzes.

Behörden Spiegel: Welche Vorteile erwachsen aus dem Bürgerportal?

Manfred Schnur: Die Vorteile des Bürgerportals liegen auf der Hand: Die Dienstleistungen der Kreis- und Verbandsgemeindeverwaltungen stehen orts- und zeitunabhängig zur Verfügung. Die Nutzer sparen dabei nicht nur zeit- und kostenintensive Wege zu den Verwaltungen; ihnen entstehen auch keine Wartezeiten in den Ämtern. Die Bedienung des Bürgerportals ist intuitiv und leicht zu handhaben. Wer regelmäßig Services der Verwaltung digital in Anspruch nimmt, kann sich zudem ein eigenes Servicekonto im Bürgerportal anlegen. Über dieses Servicekonto kann der Nutzer nicht nur die digitalen Anträge bequem bearbeiten, sondern auch einen großen Teil des Dialogs mit den Verwaltungsstellen zuverlässig organisieren.

Behörden Spiegel: Soll der Online-Verwaltungsakt den persönlichen Gang zur Behörde einmal komplett ersetzen?

Manfred Schnur: Es wird auch immer die Kunden geben, die den persönlichen Kontakt bevorzugen. Aus diesem Grund hat sich die Kreisverwaltung der einheitlichen Behördennummer „115“ angeschlossen. Über die 115 ist die Kreisverwaltung an fünf Wochentagen jeweils 10 Stunden für ihre Bürgerinnen und Bürger erreichbar und bietet all denjenigen, die nicht digital kommunizieren möchten, die gleichen Leistungen telefonisch an. Denn auch im digitalen Zeitalter bleibt das Telefon ein wichtiger Kanal der Verwaltung. Darüber hinaus wird es im Bereich der Kommunalverwaltung immer Prozesse geben, die eine persönliche Vorsprache oder Vorstellung (beispielsweise im Sozial-, Jugend- oder Gesundheitsamt) erfordern. Statt eine komplette Digitalisierung des Verwaltungshandelns anzustreben, verfolgt die Kreisverwaltung Cochem-Zell daher eine Multikanalstrategie. Diese folgt der Maxime: „So viel Digitalisierung und Effizienz wie möglich – so viel persönlicher Kontakt wie nötig“.